Leseprobe

In den Zeiten von zunehmendem Hass, Terrorismus, Angst und Gewalt, in denen wir alles dafür tun, unsere Unabhängigkeit und Menschlichkeit zu bewahren, kommt die Erinnerung hoch an die unsagbaren Morde, Gewalttaten und den Krieg im Zeichen des Nationalsozialismus hier in unserem Land vor siebzig Jahren. Häufig schon bestand eine Unzufriedenheit damit, zu wenig über die Rolle meiner eigenen Vorfahren im damaligen Unrechtsregime zu wissen. Um mich endlich richtig damit auseinandersetzen zu können, befasse ich mich mit einem schon länger geplanten Projekt, einer familienbezogenen Dokumentation über Ereignisse in der Zeit des Nationalsozialismus, dabei gewinne ich Erkenntnisse, die ich so nicht erwartet hätte, obwohl ich sie eigentlich hätte erwarten können.

Während dieser Arbeit stoße ich auf einige jahrzehntelang bewahrte Familiengeheimnisse, die theoretisch viel früher hätten offenbart werden können, wenn ich nur richtig nachgeschaut hätte, mit offenen Augen. In etlichen Briefen, Unterlagen aus dem Nachlass meiner Mutter, ihre Familie betreffend, sind diese Geschehnisse beschrieben worden, aber ich hatte sie mir nie wirklich genau angesehen. Vielleicht haben andere aus dieser Familie mehr gewusst, aber es besteht eine Hemmschwelle, irgendeinen danach zu fragen, zumal die damals direkt Beteiligten nicht mehr am Leben sind.

Eigentlich wollte ich vorrangig über die Briefe meines Vaters berichten, aber dann entwickelte sich eine Eigendynamik, die dazu führte, dass es notwendig erschien, die Geschichte meiner Mutter-Familie der Vollständigkeit halber mit einzubeziehen.

Bei den Briefen handelt sich um reale Zeit-Dokumente, die von meinem Vater Johannes sowie Angehörigen meiner Mutter in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkrieges verfasst wurden und die uns Nachkommen, sowohl denjenigen meiner Generation als auch den jüngeren, ein besseres Bild vermitteln von der Zeit, über die man inzwischen zwar mehr weiß, als ich es mir in meiner Kindheit und Jugend vorstellen konnte, die aber weiterhin entdeckungsfähig bleibt.

Die Namen der involvierten Personen sind durch Initialen abgekürzt bzw. geändert, damit keiner der Nachkommen der betreffenden Familien mit einbezogen wird. Denn es ist meine Geschichte, mein Anliegen, in der ich natürlich auch meine Sichtweise zum Ausdruck bringen möchte. Die Recherchen begannen, nachdem ich mit großem Interesse die Bücher „Die vergessene Generation - Kriegskinder brechen ihr Schweigen“ und „Kriegsenkel“ von Sabine Bode gelesen habe. Ausschlaggebend für das Projekt ist die Existenz eines Ordners gesammelter Briefe meines Vaters, Jahrgang 1918, die er an seine Familie als junger Mann vor und während des Zweiten Weltkrieges geschrieben hat. Sein Vater hatte alle Briefe aufgehoben und abgeheftet (es ist ein recht dicker Ordner), sowie alle Dokumente, die seinen Sohn betreffen. Alle Briefe durchzulesen und anschließend zu dokumentieren war mein erstes Anliegen, das aber nach zwanzig Seiten Dokumentation einer Pause bedurfte, da ich mit dem Gelesenen teilweise nicht umgehen konnte und folgerichtig den Ordner erst einmal ruhen ließ.

Nach der Lektüre des Buches „Nachkriegskinder“, ebenfalls von Sabine Bode, ist mir einiges klar geworden, so dass ich neuen Mut fasste, um mich wieder mit den Briefen zu beschäftigen. Dabei stellte sich schnell heraus, dass ich ein falsches bzw. eigentlich gar kein Bild von meinem Vater gehabt hatte, denn mit uns wurde nicht über diese Zeit geredet, so dass ich mir meine eigenen Vorstellungen bastelte, in denen meine Vorfahren aller Wahrscheinlichkeit nach nur Opfer des Krieges waren. Nach der Lektüre der ersten zwanzig Briefe hielt ich das Gegenteil für wahr und war komplett überfordert. Nach meinem zweiten Anlauf stellt sich alles viel differenzierter dar und ich bin sehr überrascht, positiv überrascht, dass sich dieser damals junge Mann von zwanzig Jahren so intelligent, gefühlvoll und lebhaft ausdrücken und empfinden konnte. 

Meine Vorstellung ist, dass diese Briefe und die Geschichten dahinter, gerade junge Leute, die die damalige Zeit nicht nachempfinden können, sehr interessieren könnten und daher in irgendeiner Art und Weise öffentlich gemacht werden sollten. Diese besonderen Zeit-Dokumente anderen Menschen zugänglich zu machen, ist eine wichtige Möglichkeit zur Erweiterung des zeithistorischen Horizontes. Um alles möglichst zeitlich korrekt wiedergeben zu können, durchforstete ich auch längst vergessene Dokumente aus dem Nachlass meiner Mutter und stieß dabei auf einige Briefe, die die mütterliche Familiengeschichte betreffen. Dabei stellte sich heraus, dass es auch in diesem Ordner einige tiefgreifende Überraschungen und neue Erkenntnisse zu entdecken galt.